Warum es ADS offiziell nicht mehr gibt und was das für dich bedeutet
- Nina Gerwoll
- 19. Jan.
- 2 Min. Lesezeit
Wenn du bei Verdacht auf Aufmerksamkeitsschwierigkeiten im Netz oder im Elternkreis stöberst, wirst du fast immer auf das Wort ADS stossen – oft verbunden mit Aussagen wie „Das ist ADHS ohne Hyperaktivität“. Das klingt einleuchtend und verhärtet sich schnell zu einem Glaubenssatz. Aber: Aus klinischer Sicht gibt es ADS als eigene Diagnose allerdings heute nicht mehr.
Was früher ADS hiess – und warum es abgeschafft wurde
In den 1980er-Jahren, als die Diagnosen im amerikanischen Klassifikationssystem DSM-III-R (DSM: Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) zusammengefasst wurden, sah man tatsächlich zwei Varianten:
eine mit ausgeprägter Aktivität und Impulsivität,
eine ohne sichtbare Hyperaktivität – das war das, was man im Alltag als ADS bezeichnete.
Als medizinischer Begriff wurde ADS (Aufmerksamkeitsdefizitstörung) für diese unaufmerksame Variante genutzt. Doch bereits 1987 änderte die American Psychiatric Association den Namen und strich ADS als separate Diagnose. Seitdem heisst alles ADHS – Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätsstörung.
Warum dieser Schritt? Experten erkannten, dass die Unterscheidung zwischen „mit Hyperaktivität“ und „ohne Hyperaktivität“ zu simpel war:
Viele Betroffene zeigen Merkmale, die nicht klar in zwei getrennte Kategorien passen,
Unaufmerksamkeit, Impulsivität und motorische Unruhe hängen oft zusammen,
und die Forschung zeigte, dass das gleiche grundlegende neurologische Muster dahintersteckt.
Im DSM 5 und im ICD-11 (ICD: International Classification of Diseases) werden nun drei Typen unterschieden. Der vorwiegend unaufmerksame Typ (ehemals ADS), der hyperaktiv-impulsive Typ und der kombinierte Typ.
Warum der alte Begriff trotzdem so hartnäckig bleibt
Du wirst ADS im täglichen Sprachgebrauch immer wieder hören. Das hat drei Gründe:
1. Vertrautheit: Viele Erwachsene wurden selbst noch mit ADS diagnostiziert – der Begriff lebt schlicht weiter.
2. Alltagssprache: Eltern und Betroffene greifen zu einem Wort, das leichter zu erklären ist als ADHS, vorwiegend unaufmerksamer Typ.
3. Missverständnisse: Nicht jede Fachperson verwendet die neuesten Begriffe konsequent – gerade in Lehrergesprächen oder schulischen Kontexten.
Das bedeutet aber nicht, dass es sich um zwei verschiedene Krankheiten handelt.
Was das für dich als Eltern bedeutet
Wenn heute von ADS gesprochen wird, steckt in der Regel Folgendes dahinter:
Dein Kind hat Schwierigkeiten mit Konzentration, Organisation, Dranbleiben und Gedächtnisleistungen bei Schulaufgaben,
Es fällt weniger durch Zappeln oder impulsives Verhalten auf,
aber das dauerhafte Abschweifen, Vergessen und Übersehen von Details kann den Alltag genauso stark belasten wie „klassische“ ADHS-Symptome.
Kurz erklärt für den Alltag
Du kannst es dir so merken:
ADS ist ein historischer Begriff, der heute nicht mehr gültig ist.
Was früher ADS war, heisst heute ADHS, vorwiegend unaufmerksamer Typ.
Es ist keine andere Krankheit – es ist die gleiche neurodivergente Herausforderung, nur in moderner Fachsprache beschrieben.
Wie du damit ins Gespräch gehst
Wenn du das Thema mit Lehrer/-innen, Ärzt/-innen oder anderen Eltern besprichst, hilft es zu sagen:
„Wir reden oft von ‚ADS‘ im Alltag, aber medizinisch ist das heute ADHS, vorwiegend unaufmerksamer Typ – das heisst, mein Kind hat neurobiologische Herausforderungen beim Fokussieren und Organisieren, auch wenn es nicht hyperaktiv wirkt.“
Diese Formulierung macht klar, dass es sich nicht um ‚nur schlampig‘ oder ‚nur zerstreut‘ handelt, sondern um eine anerkannt definierte Diagnose mit konkreten Auswirkungen im Alltag.





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