Wenn Mütter sich im ADHS ihres Kindes wiedererkennen
- Nina Gerwoll
- vor 4 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Warum die Diagnose des Kindes bei vielen Frauen Fragen über die eigene Geschichte aufwirft
"Das habe ich als Kind doch auch gemacht."
Dieser Satz fällt manchmal ganz unerwartet.
Eine Mutter liest einen Artikel über ADHS. Sie hört in einem Elterngespräch eine Beschreibung ihres Kindes. Oder sie beschäftigt sich zum ersten Mal intensiver mit den Besonderheiten von ADHS – und plötzlich tauchen Erinnerungen auf.
Vielleicht an die eigene Schulzeit, das Gefühl, sich stärker anstrengen zu müssen als andere oder an die vielen Listen, Notizen und Strategien, mit denen sie (teils erfolglos) versucht hat, den Alltag zu organisieren. Ebenso an die Erschöpfung nach Tagen, an denen zu viel gleichzeitig passiert ist.
Viele Frauen entdecken ihre eigene mögliche ADHS-Betroffenheit nicht, weil sie gezielt danach suchen. Sie entdecken sie über ihr Kind.
Die Diagnose des Kindes wird zum Ausgangspunkt für eine andere Frage:
Könnte das, was ich bei meinem Kind beobachte, auch ein Teil meiner eigenen Geschichte sein?

Wenn die Suche nach Antworten beim Kind beginnt
Wenn ein Kind die Diagnose ADHS erhält, beginnt für viele Eltern eine intensive Zeit.
Sie lesen über Aufmerksamkeit, Impulsivität, emotionale Regulation und exekutive Funktionen. Sie versuchen zu verstehen, warum ihr Kind manchmal nicht das umsetzen kann, was es eigentlich möchte:
Warum es beim Anziehen plötzlich blockiert.
Warum eine kleine Veränderung einen grossen Streit auslösen kann.
Warum nach einem langen Schultag zuhause alle Anspannung herausbricht.
Viele Mütter erkennen dabei nicht nur ihr Kind wieder. Sie erkennen auch Seiten an sich selbst. Was früher als persönliche Schwäche interpretiert wurde, bekommt plötzlich eine andere Erklärung.
Warum ADHS bei Frauen oft spät erkannt wird
Das Bild von ADHS war lange stark von hyperaktiven Jungen geprägt: Kinder, die stören, nicht stillsitzen können und im Schulzimmer auffallen.
Viele Mädchen passten nicht in dieses Bild. Sie waren vielleicht verträumt statt auffällig. Sie waren angepasst, leistungsbereit und bemüht, Erwartungen zu erfüllen.
Ihre Schwierigkeiten blieben oft verborgen. Viele entwickelten Strategien, um ihre Herausforderungen auszugleichen:
Sie planten übermässig viel.
Sie kontrollierten sich stark.
Sie investierten besonders viel Energie in Dinge, die anderen leichter fielen.
Nach aussen funktionierte vieles. Der Preis dafür wurde häufig erst später sichtbar.
Zum Beispiel, wenn die Anforderungen im Erwachsenenleben zunahmen: Ausbildung, Beruf, Partnerschaft, Familie und die vielen kleinen organisatorischen Aufgaben des Alltags.
Die Diagnose des Kindes kann die eigene Vergangenheit verändern
Eine späte ADHS-Diagnose ist für viele Frauen eine Mischung aus Erleichterung und Nachdenklichkeit.
Einerseits entsteht ein neues Verständnis. Andererseits tauchen schwierige Gefühle auf.
Manche Frauen fragen sich:
Warum hat das niemand früher erkannt?
Wie hätte mein Leben ausgesehen, wenn ich mich früher verstanden hätte?
Diese Fragen sind nachvollziehbar. Gleichzeitig geht es bei einer späten Erkenntnis nicht darum, die Vergangenheit neu zu bewerten oder Schuldige zu suchen.
Es geht darum, die Gegenwart besser zu verstehen und die Zukunft positiv zu verändern.
Wenn Mutter und Kind ähnliche Herausforderungen haben
Für Mütter mit eigener ADHS-Erfahrung kann der Familienalltag besondere Herausforderungen mit sich bringen. Ein Kind mit ADHS braucht häufig viel Begleitung bei Übergängen, Emotionen und Selbstorganisation. Gleichzeitig kann genau das für einen Elternteil mit ähnlichen Herausforderungen besonders anstrengend sein.
Ein chaotischer Morgen, mehrere Fragen gleichzeitig, ein Kind, das lautstark protestiert und anscheinend nicht kooperiert. Hinzu kommt oft Zeitdruck-
Für manche Mütter ist diese Kombination eine enorme Belastung.
Nicht, weil sie ihr Kind nicht verstehen wollen.
Sondern weil das eigene Nervensystem ebenfalls gefordert ist.
Gerade in diesen Momenten entstehen oft Schuldgefühle.
Diese Fragen zeigen häufig nicht fehlende Liebe. Sie zeigen, dass auch Eltern Unterstützung und Strategien brauchen.
Eigene Muster erkennen und neue Wege finden
Eine der grössten Chancen einer späten Erkenntnis liegt darin, alte Muster zu hinterfragen.
Viele Mütter haben selbst erlebt, dass ihre Schwierigkeiten nicht verstanden wurden.
Mit dem Wissen über ADHS kann ein anderer Blick entstehen – auf das eigene Kind und auf sich selbst.
Dabei geht es nicht darum, jede Herausforderung mit ADHS zu erklären.
Und es geht auch nicht darum, Grenzen aufzugeben.
Kinder brauchen Orientierung und klare Rahmenbedingungen.
Aber sie profitieren davon, wenn Erwachsene verstehen, was hinter bestimmten Verhaltensweisen steckt.
Wenn Verständnis die Beziehung verändert
Viele Mütter beginnen mit der Frage: "Wie kann ich meinem Kind helfen?"
Durch die Auseinandersetzung mit ADHS kommt manchmal eine zweite Frage hinzu:
"Was brauche eigentlich ich?"
Diese Verbindung zwischen Selbstverständnis und Elternschaft ist ein wichtiger Aspekt im Umgang mit ADHS in Familien. Denn Kinder lernen nicht nur durch Regeln und Erklärungen. Sie lernen auch durch die Art, wie Erwachsene mit sich selbst umgehen.
Eine Mutter, die ihre eigenen Grenzen besser kennt, kann ihr Kind oft bewusster begleiten. Eine Mutter, die ihre eigene Geschichte versteht, kann ihrem Kind mit weniger Vorwürfen begegnen.
Die Diagnose des Kindes verändert nicht automatisch alles. Aber sie kann eine neue Perspektive eröffnen: Statt der Frage, was in der Vergangenheit alles falsch lief, das lösungs- und ressourcenorientierte Erforschen der Zukunft.
Im Coaching finden wir Antworten auf Fragen, wie:
Wie kann ich trotz meiner Neurodivergenz mein ADHS-Kind optimal unterstützen?
Wie kann ich mir als neurodivergenter Elternteil Entlastung verschaffen?
Wie lernen wir beide unser Nervensystem spielerisch zu regulieren?
Wie kriegen wir unseren Alltag besser hin
usw.




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