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Exekutive Funktionen einfach erklärt: Warum dein Kind weiss, was es tun soll und es trotzdem nicht schafft

Du sagst es zum fünften Mal. Dein Kind nickt – und nichts passiert. Was wie Ungehorsam aussieht, hat meist einen anderen Grund: Zwischen Wissen und Tun liegt bei ADHS ein Schritt, der oft übersehen wird. Dieser Artikel zeigt anhand von 5 Alltagsszenen, was dabei im Kopf deines Kindes passiert – und was schon heute Abend helfen kann.

«Zieh bitte deine Schuhe an.»

Du hast dein Kind gerade zum wiederholten Mal daran erinnert. Es schaut dich an, nickt und du bist sicher: Es hat dich gehört.

Zwei Minuten später sitzt es wieder auf dem Boden und baut konzentriert an einem Lego-Raumschiff.

Und in deinem Kopf startet das Gedankenkarussell, begleitet von negativen Gefühlen: Warum hört es einfach nicht? Macht es das absichtlich? Warum klappt das bei anderen Kindern?

Wenn dir diese Szene bekannt vorkommt: Du bist nicht allein. Viele Eltern von Kindern mit ADHS erleben sie jeden Tag mehrfach. Und genau hier entsteht eines der grössten Missverständnisse rund um ADHS.

Das Wichtigste vorweg Wenn du aus diesem Artikel nur einen einzigen Satz mitnimmst, dann diesen: Kinder mit ADHS wissen meist sehr genau, was sie tun sollten. Problematisch ist die Umsetzung dieses Wissens. Das Verstehen dieses Unterschieds kann den Blick auf viele Alltagssituationen verändern und manchmal sogar das ganze Familienleben.

Warum dieser Artikel wichtig ist

Wenn du dein Kind jeden Tag mehrfach an sich wiederholende (oder neue) Aufgaben erinnern musst, entstehen Frust, Schuldgefühle und häufig auch Streit. Das ist schwierig, für Eltern und Kind.

Immer wieder erlebe ich dasselbe, als Mutter eines neurodivergenten Kindes und als Coach. Ich weiss, dass mein Kind es kann und habe mich früher oft gefragt: «Warum klappt es ausgerechnet dann nicht, wenn wir es eilig haben?» Genau in solchen Momenten zeigt sich am deutlichsten, worum es in diesem Artikel geht.

Zu verstehen, was hinter dem Verhalten deines Kindes steckt, hilft dir, gelassener und wirksamer zu reagieren. Nicht sofort und nicht immer. Aber immer öfter.

Wissen heisst nicht Können. Und Können heisst nicht immer Handeln.

Das Überraschende ist: Die meisten Kinder mit ADHS wissen sehr genau, was von ihnen erwartet wird. Oft können sie die Aufgabe auch grundsätzlich. Sie können sich alleine anziehen, wissen, wie man aufräumt und dass sie zu einer bestimmten Zeit losgehen müssen, um pünktlich in der Schule zu sein. Was ihnen in bestimmten Momenten schwerfällt, ist das ins Handeln kommen, wenn es nötig ist.

Der Satz zum Mitnehmen Wissen heisst nicht Können. Und Können heisst nicht immer Handeln. Deshalb laufen Sätze wie «Du weisst es doch!» so oft ins Leere. Nicht weil dein Kind nicht zuhört, sondern weil das Wissen allein sein Verhalten nicht steuert. Genau dafür, diesen Schritt vom Wissen ins Handeln zu kommen, sind die sogenannten exekutiven Funktionen zuständig.

Das Radio im Kopf

Stell dir das Gehirn deines Kindes wie ein Radio vor. Alle Sender sind da und senden rund um die Uhr: Wissen, Regeln, gute Vorsätze, Ideen. An Sendern fehlt es nicht.

Die exekutiven Funktionen sind dabei der Sendersuchknopf. Sie stellen den richtigen Sender im richtigen Moment ein, halten die Frequenz, wenn andere Sender dazwischenfunken – und drehen weiter, wenn ein anderer Sender dran ist.

Bei ADHS ist das Radio nicht kaputt. Aber der Suchknopf ist schwergängiger: Manchmal dauert es, bis der richtige Sender einrastet. Manchmal drängt sich ein lauterer Sender dazwischen. Und manchmal hängt der Knopf an einem spannenden Sender fest und lässt sich kaum weiterdrehen.

Schaubild «Das Radio im Kopf»: exekutive Funktionen als Sendersuchknopf – Anfangen, Ablenkung, Hyperfokus und Reizüberflutung einfach erklärt

Das ist keine Frage der Erziehung, sondern der Hirnentwicklung: Bildgebungsstudien deuten darauf hin, dass sich einige Hirnregionen, die für Planung und Selbststeuerung wichtig sind, bei vielen Kindern mit ADHS später entwickeln als bei Gleichaltrigen – in einer grossen Studie erreichten sie ihren Reifungshöhepunkt im Schnitt rund drei Jahre später (Shaw et al., 2007). Das bedeutet nicht, dass sich das Gehirn nicht entwickelt. Es bedeutet: Bestimmte Reifungsprozesse brauchen mehr Zeit als bei neurotypischen Kindern. Dein Kind ist nicht falsch, sondern es ist in diesem einen Bereich einfach noch nicht so weit wie andere Gleichaltrige.

Fünf nervige Szenen aus deinem Alltag und was wirklich dahintersteckt

1. Die Schuhe und das Raumschiff

Anna ist acht. Ihre Mutter bittet sie, die Schuhe anzuziehen. Anna nickt und entdeckt auf dem Weg zur Garderobe einen Legostein. Zehn Minuten später sitzt sie mitten im Wohnzimmer und baut ein Raumschiff.

Hat sie ihre Mutter ignoriert? Nein. Der Sender «Schuhe anziehen» war eingestellt, aber dann hat der stärkere Sender «Lego» die Frequenz übernommen. Der Auftrag wurde nicht abgelehnt, er ist verloren gegangen. Dahinter steckt das Arbeitsgedächtnis, also die Fähigkeit, einen Plan festzuhalten, während rundherum Neues passiert.

Was hilft: eine Anweisung statt drei, Blickkontakt vor der Anweisung und der gemeinsame Start: «Komm, wir gehen zusammen zu den Schuhen.» Das Begleiten wirkt bei vielen Kindern mit ADHS besser als das ständige Wiederholen der Aufgabe.

2. Der Turnbeutel direkt vor der Tür

Levin ist zehn. Damit er den Turnbeutel nicht vergisst, hat die Mutter ihn am Abend vorher gepackt neben der Haustür abgestellt. Sie hat ihm diese Aufgabe abgenommen, um ihn zu entlasten. Sie hat mitgedacht und dennoch hat er den Turnbeutel vergessen. Ist ohne ihn in die Schule gegangen. Das stresst sie und Levin auch.

Dabei hat sie ihrer Meinung nach alles richtig gemacht. Sie hat Levin entlastet, indem sie den Turnbeutel gepackt und an der Tür abgestellt hat. Sie hat Levin am Abend davor gesagt, wo er steht und dass er ihn nicht vergessen soll. Auch am Morgen hat sie ihn erinnert und er hat genervt «Ja, ich weiss» geantwortet.

Aber dann, im Trubel zwischen Zähneputzen und Jacke anziehen, war diese Information plötzlich nicht mehr abrufbar. Genau in dem Moment, in dem sie gebraucht wurde. Das Sich-an-etwas-Erinnern ist bei ADHS weniger eine Frage des Wollens als die Wahl des richtigen Zeitpunkts und des richtigen Orts.

Was hilft: Dinge dorthin stellen, wo die Handlung passiert. Der Turnbeutel hängt bereits am Schulthek, nicht neben der Tür. Oder es gibt eine Bild-Checkliste an der Innenseite der Haustür, die Levin jedes Mal abhaken muss, bevor er das Haus verlässt.

3. «Lass mich doch ausreden!»

Beim Abendessen erzählt die grosse Schwester von ihrem Tag. Mitten im Satz platzt Noah dazwischen, zum dritten Mal. Nicht aus Desinteresse, sondern weil sein Gedanke jetzt da ist und die innere Bremse später greift als bei anderen Kindern. Diese Bremse heisst Impulshemmung und sie reift bei ADHS nicht nur langsamer, sondern bleibt häufig ein Leben lang eine Herausforderung für neurodivergente Menschen. Dazwischenplatzen ist selten Respektlosigkeit. Es ist ein längerer Bremsweg.

Was hilft: ein vereinbartes Zeichen («Hand aufs Bein heisst: Du bist gleich dran») und würdigen, wenn das Warten gelingt, statt das Kind zu beschämen, wenn es misslingt.

Vielleicht erkennst du jetzt ein Muster

Die Situationen sehen völlig unterschiedlich aus. Mal geht es um Schuhe, mal um den Turnbeutel, mal ums Dazwischenreden. Und trotzdem steckt oft dieselbe Schwierigkeit dahinter: Nicht das Wissen fehlt, sondern die innere Steuerung im entscheidenden Moment. Behalte das im Kopf, wenn du die nächsten zwei Szenen liest.

4. Das Tablet und der grosse Knall

«In fünf Minuten ist Schluss.» – «Ja, okay.» Fünf Minuten später: Keine Reaktion. Du wiederholst die Aufforderung, zuerst liebevoll, dann genervt. Schliesslich bist du kurz davor, deinem Kind das Tablet aus der Hand zu reissen, oder tust es sogar. Die Folge: Es gibt Geschrei, Tränen, vielleicht haut oder tritt das Kind sogar, dann Türenknallen. Und das immer und immer wieder. Jeden Abend die gleiche nervenaufreibende Eskalation.

Aber warum hat das Kind so einen fulminanten Wutanfall? Hier klemmt der Suchknopf: Ein hochspannender Sender läuft und plötzlich soll das Radio auf einen langweiligen umschalten. Dieses Umschalten, die kognitive Flexibilität, gehört zum Schwierigsten überhaupt. Der Wutausbruch ist die Folge davon, dass Kinder mit ADHS Schwierigkeiten bei Übergängen haben. Besonders, wenn eine das Dopamin anregende Situation (Fernsehen, Gamen) unterbrochen werden soll.

Was hilft: die von mir entwickelte FAST-Methode. Übergänge mehrstufig ankündigen (zehn, fünf und dann eine Minute), einen Abschlusspunkt vereinbaren («nach diesem Level», nicht mittendrin), den Wechsel begleiten statt nur ansagen sowie dem Kind eine Wahlmöglichkeit geben (soll ich ausschalten oder schaltest du aus).

5. Aufräumen, das im Spielen endet

Mia will wirklich aufräumen. Sie beginnt beim Regal, findet ein lange gesuchtes Playmobil-Pferd und zwanzig Minuten später steht auf dem Teppich ein Reiterhof. Das Zimmer ist chaotischer als vorher. «Zimmer aufräumen» ist für die exekutive Steuerung ein Grossprojekt: viele Schritte, keine Reihenfolge und überall Ablenkung.

Was hilft: kleine, klar begrenzte Aufträge («nur die Bücher ins Regal»), gemeinsam anfangen und den Start zum Ritual machen. Vielleicht mit einem Aufräumlied. Nicht die Menge zählt, sondern dass das Anfangen gelingt, ohne dass das Kind abdriftet.

Was das für euren Alltag bedeutet

Hinter all diesen Szenen steht ein Grundprinzip: Äussere Struktur ersetzt vorübergehend, was die innere Steuerung des Kindes noch nicht leistet. Visuelle Pläne, klare Übergänge, eine Anweisung, ein gemeinsamer Start; das sind keine Erziehungstricks. Es sind Stützräder für einen Suchknopf, der anders funktioniert als der Suchknopf neurotypischer Kinder.

Umgekehrt gilt: Ermahnen, Strafen und ein «Streng dich mal ein bisschen an» machen den Knopf nicht leichter drehbar. Sie erhöhen nur den Druck und lösen das eigentliche Problem nicht.

Wann fachliche Unterstützung sinnvoll ist

Schwierigkeiten mit exekutiven Funktionen allein sind keine Diagnose. Sie kommen auch bei Kindern ohne ADHS vor, besonders bei jüngeren Kindern. Wenn die Belastung im Alltag gross ist und über Monate bleibt, lohnt sich eine Abklärung beim Kinderarzt, bei der Kinderärztin oder beim Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst. In der Schweiz vermitteln auch Beratungsstellen wie elpos eine erste Orientierung: www.elpos.ch

Zur Einordnung meiner Arbeit: Coaching stärkt Alltagsstrategien und entlastet Familien; es ersetzt keine Abklärung und keine Therapie. Als Coach und als Mutter eines Kindes mit AuDHS kenne ich die Situation gut und weiss, dass eine Abklärung, eine Therapie und Coaching sich wunderbar ergänzen.

Mit anderen Augen

Vielleicht siehst du dein Kind nach diesem Artikel ein wenig anders. Nicht, weil plötzlich alles wie am Schnürchen funktioniert. Sondern weil du jetzt weisst: Hinter vielen Konflikten steckt kein fehlender Wille, keine Bösartigkeit und schon gar keine Absicht, sondern ein Gehirn, das mehr Unterstützung beim Umsetzen braucht als beim Verstehen.

Das Radio deines Kindes funktioniert. Alle Sender sind da. Es braucht nur jemanden, der ihm hilft, den Knopf zu drehen, so lange, bis es das selbst kann. Und genau dort bewirken kleine Veränderungen im Alltag manchmal überraschend viel.

Wie weiter? Wenn du dich in diesen Szenen wiedererkannt hast: In Kürze erscheint meine Checkliste «Anweisungen, die ankommen» – trag dich in den Newsletter ein, dann bekommst du sie als Erste. Oder lass uns direkt über euren Alltag sprechen: Das Kennenlerngespräch ist kostenlos.

Quellen

Shaw, P. et al. (2007): Attention-deficit/hyperactivity disorder is characterized by a delay in cortical maturation. PNAS 104(49). – Grundlage für die Aussage zur verzögerten Hirnreifung.

Brown, T. E. (2013): A New Understanding of ADHD in Children and Adults: Executive Function Impairments. Routledge. – Modell der exekutiven Funktionen.

NICE Guideline NG87 (2018, laufend aktualisiert): Attention deficit hyperactivity disorder: diagnosis and management.

AWMF S3-Leitlinie ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen (Reg.-Nr. 028-045).

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