Hyperfokus bei ADHS: Wenn dein Kind so vertieft ist, dass nichts anderes mehr ankommt
- Nina Gerwoll
- vor 3 Tagen
- 6 Min. Lesezeit

Du rufst zum Abendessen. Keine Reaktion. Du rufst noch einmal, diesmal lauter. Dein Kind sitzt einen Raum weiter vor seinem Lego, einem Buch oder dem Tablet. Es muss dich gehört haben.
Beim dritten Mal gehst du hin. «Ich habe dich jetzt dreimal gerufen.» Dein Kind schaut auf, als wärst du gerade aus dem Nichts aufgetaucht. Und dann kommt dieser Satz: «Was? Ich hab dich gar nicht gehört.»
Vielleicht glaubst du ihm. Vielleicht auch nicht. Denn wie kann ein Kind, das sich angeblich so schlecht konzentrieren kann, zwei Stunden lang völlig versunken an einem Lego-Raumschiff bauen?
Die Antwort heisst Hyperfokus. Und sie zeigt ziemlich gut, warum der Begriff Aufmerksamkeitsdefizit bei ADHS manchmal in die Irre führt.
Das Wichtigste vorweg Wenn du aus diesem Artikel nur einen Gedanken mitnimmst, dann diesen: ADHS heisst nicht einfach zu wenig Aufmerksamkeit. Es bedeutet vor allem, Aufmerksamkeit nicht immer dort einsetzen und wieder lösen zu können, wo es gerade nötig wäre. Hyperfokus ist die andere Seite davon. Dein Kind kann sich unter bestimmten Bedingungen aussergewöhnlich intensiv auf etwas konzentrieren. So intensiv, dass Zeit, Hunger, andere Aufgaben und manchmal auch deine Stimme in den Hintergrund treten. Das ist keine bewusste Entscheidung des Kindes. Es passiert einfach. Und genau deshalb funktioniert «Jetzt hör doch einfach auf!» meistens schlecht. |
«Aber ich dachte, mein Kind kann sich nicht konzentrieren?»
Das ist eines der hartnäckigsten Missverständnisse rund um ADHS.
Ein Kind sitzt zwanzig Minuten vor einer Matheaufgabe und schafft kaum drei Rechnungen. Am Nachmittag baut dasselbe Kind drei Stunden lang Minecraft-Welten, zeichnet bis ins kleinste Detail einen Comic oder liest ein ganzes Buch.
Von aussen sieht das widersprüchlich aus. Ist es aber nicht.
Aufmerksamkeit funktioniert bei ADHS nicht wie ein Lichtschalter mit den Einstellungen an und aus. Sie ähnelt eher dem Radio im Kopf, das du aus unseren anderen Artikeln kennst. Manche Sender sind schwach und verschwinden ständig im Rauschen. Andere senden so stark, dass es schwer wird, wieder wegzuschalten.
Beim Hyperfokus hat dein Kind einen Sender gefunden, der gerade glasklar hereinkommt. Und der Sendersuchknopf klemmt.
Was Hyperfokus eigentlich ist
In der Forschung wird Hyperfokus meist als Zustand sehr intensiver und lang anhaltender Konzentration beschrieben, bei dem die Aufmerksamkeit stark auf eine Tätigkeit eingeengt ist und andere Reize kaum noch wahrgenommen werden.
Allerdings ist wichtig: Hyperfokus ist kein offizielles Diagnosekriterium für ADHS und wissenschaftlich noch längst nicht abschliessend geklärt. Es gibt bislang nicht einmal eine einheitliche wissenschaftliche Definition (Ashinoff & Abu-Akel, 2021).
Studien sprechen aber dafür, dass Menschen mit stärkeren ADHS-Symptomen auch häufiger über Hyperfokus berichten (Hupfeld et al., 2019). Neuere Forschung bringt ihn zudem mit Schwierigkeiten bei den exekutiven Funktionen in Verbindung, also genau jener inneren Steuerung, die dabei hilft, Aufmerksamkeit nicht nur zu halten, sondern sie bei Bedarf auch wieder zu lösen und auf etwas anderes zu richten.
Das passt zu dem, was viele Eltern beobachten: Das Problem ist nicht immer, in etwas hineinzukommen. Manchmal ist das Problem, wieder herauszukommen.
Der Satz zum Mitnehmen Hyperfokus ist nicht «besonders gute Konzentration». Es ist Konzentration, bei der der Ausgang schwer zu finden ist. |
«Essen ist fertig!» – und nichts passiert
Stell dir vor, dein Kind baut Lego. Es weiss, dass ihr um 18 Uhr esst. Ihr habt sogar darüber gesprochen.
Dann entsteht der erste Teil des Raumschiffs. Noch ein Stein. Jetzt fehlt vorne etwas. Vielleicht könnte dieses Teil passen. Und plötzlich steht jemand neben ihm und sagt: «Ich habe dich jetzt fünfmal gerufen!»
Für dich sind vielleicht zwanzig Minuten vergangen. Für dein Kind hat sich die Zeit ganz anders angefühlt.
Die Aufforderung zum Essen muss jetzt gegen eine Tätigkeit antreten, die seine Aufmerksamkeit vollständig gebunden hat. Gleichzeitig muss sein Gehirn mehrere Dinge leisten: die neue Information wahrnehmen, die aktuelle Handlung stoppen, den inneren Plan wechseln und eine neue Handlung beginnen. Genau hier kommen wieder die exekutiven Funktionen ins Spiel.
Das erklärt nicht jede Situation. Und natürlich kann ein Kind eine Aufforderung auch einmal schlicht ignorieren. Aber wenn dein Kind regelmässig völlig überrascht reagiert, wenn du eine vertiefte Tätigkeit unterbrichst, lohnt es sich, Hyperfokus als mögliche Erklärung mitzudenken.
Hyperfokus ist nicht nur ein Problem
Vielleicht hast du diese Seite an deinem Kind sogar schon bewundert. Es baut Dinge, auf die du niemals gekommen wärst. Es recherchiert plötzlich jedes Detail über Dinosaurier, Planeten oder Züge. Es zeichnet stundenlang. Programmiert. Schreibt Geschichten. Lernt sämtliche Spieler einer Fussballmannschaft auswendig.
Hyperfokus kann Raum für Kreativität, Lernen und enorme Ausdauer schaffen. Deshalb würde ich ihn nicht grundsätzlich «wegtrainieren» wollen.
Ich kenne beide Seiten: Eltern, die am täglichen «Ich hab dich nicht gehört» verzweifeln, und dieselben Eltern, die staunen, was ihr Kind im Hyperfokus erschafft. Dabei gehört beides zusammen. Dieselbe Aufmerksamkeit, zwei Seiten einer Medaille.
Die entscheidende Frage lautet nicht: Wie verhindere ich Hyperfokus? Sondern: Wie helfe ich meinem Kind, wieder herauszufinden, wenn der Alltag weitergehen muss? Und genau da können Eltern viel verändern.
Was hilft, wenn dein Kind im Hyperfokus steckt?
Nicht aus dem Nichts abbrechen. «Tablet aus. Jetzt.» verlangt einen enorm schnellen Wechsel. Kündige das Ende möglichst vorher an: «Noch zehn Minuten, dann essen wir.» Fünf Minuten später noch einmal. Nicht jedes Kind braucht dieselben Abstände, beobachte, was bei euch funktioniert.
Kontakt herstellen, bevor du eine Anweisung gibst. Eine Aufforderung aus dem Nebenzimmer konkurriert mit dem stärksten Sender im Radio. Geh hin, sprich dein Kind an und warte, bis du seine Aufmerksamkeit wirklich hast. Erst dann kommt die Information.
Einen natürlichen Haltepunkt suchen. «Noch diese Runde.» «Noch diese Seite.» «Mach das Dach fertig, dann gehen wir.» Ein klarer Endpunkt kann den Wechsel leichter machen als ein willkürliches «sofort».
Den nächsten Schritt konkret machen. «Hör auf!» sagt nur, was enden soll. «Speicher das Spiel und komm mit mir in die Küche» sagt zusätzlich, was danach passiert.
Zeit sichtbar machen. Timer, visuelle Uhren oder ein gemeinsam gestellter Wecker können die Zeit von aussen sichtbar machen. Dein Kind muss dann nicht allein darauf vertrauen, den richtigen Moment innerlich zu bemerken.
Und vor allem: Plane den Übergang mit ein. Wenn ihr um 18 Uhr losmüsst, ist 18 Uhr nicht der Zeitpunkt, an dem dein Kind aus einer hochinteressanten Tätigkeit gerissen werden sollte. Der Übergang beginnt vorher.
Was meistens nicht hilft
Immer lauter aus dem anderen Zimmer rufen. Mitten in der Tätigkeit plötzlich das Tablet wegnehmen. «Du hast mich ganz genau gehört.» «Wenn du dich bei Minecraft so konzentrieren kannst, kannst du das bei Mathe auch.»
Gerade der letzte Satz trifft einen wunden Punkt. Denn er verwechselt Konzentrationsfähigkeit mit Aufmerksamkeitssteuerung. Dein Kind zeigt im Hyperfokus nicht, dass sein ADHS plötzlich verschwunden ist. Der Hyperfokus kann vielmehr zeigen, wie stark seine Aufmerksamkeit davon abhängt, was sein Gehirn gerade bindet, und wie schwierig es sein kann, diese Aufmerksamkeit willentlich umzulenken.
Und was ist mit Bildschirmzeit?
Hier würde ich besonders genau hinschauen. Digitale Spiele, Videos und Apps können viele Elemente kombinieren, die Aufmerksamkeit stark binden: schnelle Rückmeldungen, Neuheit, unmittelbare Belohnungen und immer neue Ziele.
Wenn dein Kind beim Gaming besonders schwer aufhören kann, bedeutet das deshalb nicht automatisch, dass «Bildschirme süchtig machen» oder dein Kind abhängig ist. Aber es bedeutet auch nicht, dass du jeden Hyperfokus einfach laufen lassen solltest. Schlaf, Essen, Bewegung, Schule und Familienleben brauchen weiterhin ihren Platz.
Gerade bei digitalen Medien sind vorher vereinbarte Endpunkte und begleitete Übergänge deshalb oft hilfreicher als Diskussionen erst in dem Moment, in dem ausgeschaltet werden soll. (siehe Bildschirmzeit-Artikel)
Mit anderen Augen
Vielleicht erinnerst du dich beim nächsten Mal, wenn du zum dritten Mal «Essen!» rufst, an das Radio. Dein Kind sitzt nicht unbedingt dort und entscheidet: Ich ignoriere Mama jetzt. Vielleicht ist gerade nur ein anderer Sender so laut, dass deiner kaum durchkommt.
Das bedeutet nicht, dass du alles durchgehen lassen musst. Es bedeutet, dass dein Kind beim Umschalten möglicherweise mehr Unterstützung braucht.
Denn Hyperfokus ist weder Superkraft noch Fehlfunktion. Er zeigt etwas viel Interessanteres: Aufmerksamkeit bei ADHS ist nicht einfach zu wenig. Sie lässt sich manchmal nur schwer steuern.
Und wenn du das weisst, musst du nicht mehr gegen die Konzentration deines Kindes kämpfen. Du kannst ihm helfen, den Sender zu wechseln.
Wie weiter? Wie die innere Steuerung deines Kindes funktioniert, liest du im Artikel «Exekutive Funktionen einfach erklärt». Warum Motivation auf manche Sender stärker reagiert als auf andere, erklärt «Warum Belohnungen bei ADHS oft nicht wirken». Und wenn die Übergänge bei euch täglich eskalieren: Lass uns im kostenlosen Kennenlerngespräch schauen, was zu eurem Kind passt. |
Quellen
Ashinoff, B. K. & Abu-Akel, A. (2021): Hyperfocus: the forgotten frontier of attention. Psychological Research 85. – Übersichtsarbeit; Grundlage für die Aussage, dass Hyperfokus wissenschaftlich nicht einheitlich definiert ist.
Hupfeld, K. E., Abagis, T. R. & Shah, P. (2019): Living «in the zone»: hyperfocus in adult ADHD. ADHD Attention Deficit and Hyperactivity Disorders 11. – Zusammenhang zwischen ADHS-Symptomstärke und berichtetem Hyperfokus.
Brown, T. E. (2013): A New Understanding of ADHD in Children and Adults: Executive Function Impairments. Routledge.




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